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Medium Rezension
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Slimani, Leïla
Das Land der Anderen, Schaut, wie wir tanzen, Trag das Feuer weiter
Übersetzerin: Amelie Thoma
Leïla Slimani – kritische und selbstbewusste Autorin
Die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani, geb. 1981 in Rabat, wuchs in Marokko auf und studierte an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po. Seit Jahren ist sie mit ihren Büchern erfolgreich, die internationale Bestseller wurden. Für den Roman „Dann schlaf auch du“ wurde ihr der renommierte Prix Goncourt verliehen. Seit geraumer Zeit schreibt sie insbesondere die Geschichte ihrer Familie auf, die zwischen Frankreich und Marokko spielt.
Das Land der Anderen - Eine unkonventionelle Liebe und die harte Realität
Die Elsässerin Mathilde verliebt sich Ende des 2. Weltkrieges in Amine Behlhaj, der als Offizier marokkanischer Herkunft in der französischen Armee gegen Deutschland kämpft. Sie verlieben sich, heiraten und sie folgt ihm 1947 nach Meknès am Fuße des Atlas-Gebirges gelegen. Amine hat von seinem Vater einen Hof auf einem abgelegenen Areal geerbt. Hier will er nach modernen Methoden ein Gut aufbauen. Doch das Gelände ist verwildert, karg, steinig und für Landwirtschaft eher ungeeignet. Mit unermüdlichem Einsatz, harter Arbeit und Strenge gegen sich und andere arbeitet er daran, seinen Traum umzusetzen.
Fremd in der Fremde und in der Heimat
Für Mathilde, die nach anfänglicher Euphorie immer skeptischer wird, entwickelt sich das Leben in Marokko zunehmend zu einer Art Albtraum: Sie erkennt den liebe- und verständnisvollen Mann, in den sie sich in Frankreich verliebt hat, nicht wieder. Und sie fühlt sich in dem neuen Land, der (Männer-) Gesellschaft fremd. Sie kann den Umgang der Männer (und vieler Frauen) mit Mensch und Tier nicht verstehen. Sie lebt in einem Land, in dem Frauen, Kinder, Tiere keine Rechte haben und permanent den Regeln der Männergesellschaft unterworfen und ausgeliefert sind.
Im Laufe der Jahre lernt sie, sich einzufügen, eigene Betätigungsfelder zu finden. Sie arbeitet hart, bekommt zwei Kinder: Aïcha und Selim. Die Option, nach Frankreich zurückzukehren, ist bald keine mehr, zumal sie bei einem Heimataufenthalt feststellen muss, dass ihr dort alles fremd geworden ist und ihre Schwester sie nicht in Frankreich haben will.
Ausbrechen ist nicht möglich
Eine weitere wichtige Person ist Selma, Amines jüngere Schwester. Sie geht auf die französische Schule, fühlt sich eingeengt, vor allem von ihrem Bruder Omar, der noch Zuhause lebt, sie regelrecht bewacht, ihr alles verbietet, sie misshandelt. Sie ist zu schön und er muss sie vor Männern allgemein beschützen – was er darunter versteht. Ihre Mutter hilft ihr nicht, der Vater ist schon lange tot. Selmas Versuch auszubrechen misslingt. Sie wird von Amine an einen seiner Arbeiter verheiratet, weil sie ein Kind bekommt und der Kindesvater, ein Franzose, sich nicht zu ihr bekennt.
Fremd im eigenen Land: Marokkaner in Marokko
Zu der Zeit, in der der Roman spielt, steht Marokko unter der Kolonialmacht Frankreich. Französisch und französische Lebensart, Regierung, Rechtsprechung, Administration und Militär beherrschen alles. Niemand kann dem entkommen. Andererseits haben viele Marokkaner einen französischen Pass, besuchen – besonders die Kinder der reichen, vornehmen bzw. besseren Familien - ganz selbstverständlich französische Schulen in Marokko, meist katholisch geführt, und gehen zum Studium nach Frankreich. Dort erleben sie, dass sie als Angehörige eines Kolonialstaates keineswegs gleichberechtigt behandelt werden. Sie sind Störenfriede, die man nicht haben will. In Marokko wiederum werden sie als Teil der französischen Machthaber betrachtet und erfahren oft Ablehnung.
Oberschichtfamilien und einfache Marokkaner haben wenig miteinander zu tun. Letztere arbeiten bei deren Familien als Bedienstete oder als Landarbeiter auf deren Gütern. Einige verfügen über ein kleines Stück Land, das sie selbst bewirtschaften. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird nicht hinterfragt. Wer sich gegen das System auflehnt wird von der Militärpolizei festgenommen und ins Gefängnis gesteckt. Doch das bleibt nicht immer so.
Schaut, wie wir tanzen - Sehnsucht nach Leben in Freiheit
Hier geht es um die nächste Generation: Amines und Mathildes Tochter Aïcha und den Sohn Selim.
Das Buch setzt 1968 ein, zur Zeit des Aufbruchs in Europa bzw. der Studentenunruhen, Morokko wird unabhängig. Aïcha geht zum Studium nach Paris, sie wird Ärztin, spezialisiert sich auf Gynäkologie – im Marokko der damaligen Zeit nicht selbstverständlich. Sie lernt Mehdi Daoud kennen, einen aufstrebenden Studenten der Wirtschaftswissenschaften. Ihrer beider Leben steht im Mittelpunkt der Handlung, immer wieder mit geknüpft an die Schicksale der anderen Familienmitglieder. Selim gerät auf Abwege und ist zeitweise verschollen. Selma kann, nachdem sie Witwe geworden ist, ein relativ freies Leben führen. Amine und Mathilde werden sehr erfolgreich mit ihrer Farm, vor allem Dank des Arztes Dragan Palosi und seiner Frau Corinne. Palosi verhilft Amine mit seinen Ideen zu einem größeren Ertrag seines Landes.
Mehdi und Aïcha und bekommen zwei Töchter: Mia und Inès, die in der Folge auf eine französische Schule gehen, um später zu studieren.
So könnte es immer weiter gehen, doch Marokkos Unabhängigkeit führt nicht in die Demokratie, sondern in die Diktatur der Herrschaft des Königshauses. Einerseits lebt es sich für Menschen, die sich für Politik und Freiheitsideen nicht begeistern, je nachdem, wie begütert oder privilegiert sie sind, recht gut. Nach wie vor hält sich die Familie aus den politischen Strukturen heraus, doch dann gerät ausgerechnet der überaus korrekte Mehdi in die Mühlen des Systems. Das verändert für ihn und seine Familie alles.
Trag das Feuer weiter
Mia, die Tocher Aïchas und Mehdis, ist erwachsen und lebt an wechselnden Orten. Es ist das Jahr 2021, das Corona-Virus grassiert, das Leben ist eingeschränkt. Mia hat schon viel erreicht in ihrem beruflichen Leben in der Wirtschaft. Dennoch geht es ihr nicht gut. Sie hat eine veritable Depression und weiß nicht so recht, woher und wohin. Der Arzt, den sie aufsucht, gibt ihr den Rat, sich zu erinnern. Doch Mia hat so gut wie keine Erinnerungen an ihre Familie, ihre Herkunft. Also macht sie sich auf eine Reise in die Vergangenheit, besucht die Orte und die Menschen ihrer Kindheit, sofern sie noch leben.
Von dieser Reise handelt der dritte Band der Geschichte der Familie Belhaj-Daoud. Mit Mia tauchen wir noch einmal in ihre Geschichte ein und begegnen ihren Schicksalen.
Leben im Gegensatz von Freiheit und Diktatur
Die drei Romane sind sehr vielfältig und vielschichtig. Leïla Slimani entwirft ein ganzes Lebenspanorama, erzählt die Geschichte ihrer Familie über viele Jahre hinweg. „Das Land der Anderen“ ist der erste Teil einer Trilogie, die im Jahre 1944 in Frankreich beginnt und bis in unsere Zeit reicht.
Die Bücher sind nicht ganz einfach zu lesen, schon aufgrund der Fülle der Ereignisse, der Geschichten und Lebensrealitäten. Die Sprache selbst ist klar und gut verständlich, keine Schnörkel oder sprachlichen Finessen, deren man ja sowieso schnell überdrüssig wird. Der Stil ist schnell, rasant, auf dem Punkt, nichts Überflüssiges oder Verspieltes. Die Personen sind gut charakterisiert, ihre Beweggründe durchaus nachvollziehbar und mit Empathie beschrieben. Die drei Teile sind zudem spannend geschrieben, wirken manchmal nachgerade atemlos. Die Geschichte drängt vorwärts und zieht in den Bann. Leïla Slimani ist zu Recht eine der wichtigsten französischen Autorinnen unserer Zeit.
btb, Penguin Random House, Verlag Luchterhand - 2023, 2024, 2025 - Buch
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