1146 Olivia Laing Olivia Laing – Der Garten und die Zeit Thomas Mohr | Olivia Laing, geb. 1977, ist eine angesehene britische Journalistin, Schriftstellerin, Essayistin und Kulturkritikerin. Sie hat diverse Bücher veröffentlicht, u.a. The Lonely City, zu Deutsch: Die einsame Stadt. 2018 erschien ihr Roman „Crudo“. Sie gewann verschiedene Preise, darunter den ältesten Literaturpreis Großbritanniens, den James Tait Black Memorial Prize. Sie ist Mitglied der Royal Society of Literature. Im Frühjahr 2020 suchten Olivia Laing und ihr Ehemann Ian ein Haus mit einem Garten. Spontan verliebten sie sich in ein altes Haus mit einem ummauerten Garten. Beides schien zwar vernachlässigt, doch der erste Eindruck war sehr positiv. Für Haus und mehr noch Garten sprach auch, dass der in Großbritannien renommierte Gartenplaner Mark Rumary alles konzipiert und bewohnt hatte. Wie das so ist bei dieser Art Anwesen – der Teufel steckt im Detail. Nach ihrem Einzug entdeckten sie diverse Mängel am Haus und den Anbauten. Auch der Garten erwies sich als schwieriger und vernachlässigter als erwartet. Doch da, wo andere aufgeben, fühlten sich die Beiden erst richtig herausgefordert. Allerdings mit einigen Bauchschmerzen. Und dann war Corona da, die Menschen lebten monatelang im Lockdown und in der Ungewissheit, wie es weitergehen würde. Die politischen Verhältnisse in England und in den USA bieten in dieser Zeit wenig Grund zur Hoffnung auf bessere Zeiten. Das Buch besteht aus acht Kapiteln, die sich verschiedenen Themen widmen. Olivia Laing beschreibt Haus und Garten, die Arbeit daran, ihre Pläne vor allem für den Garten. Er ist ihr Wunschgarten, nach dem sie ihr Leben lang gesucht hat. „Manchmal habe ich einen Traum, nicht oft. In dem Traum bin ich in einem Haus, wo ich eine Tür entdecke, von deren Existenz ich nichts wusste. Dahinter liegt ein unverhoffter Garten, und einen schwerelosen Augenblick lang bewohne ich neues, unerschlossenes Territorium, reich an Potenzial. …. Er ist nie ordentlich und aufgeräumt, sondern stets herrlich verwildert und weckt die Aussicht auf verborgene Schätze.“ (S. 9) Es handelt sich im Grunde um eine Art geheimen Garten, so, wie Frances Hodgson Burnett ihren Garten in England beschrieb. Ihr Buch „The secret garden“ (Der geheime Garten) kennt in Großbritannien und in den USA nahezu jedes Kind und auch in Deutschland ist es sehr beliebt, u.a. wegen der verschiedenen Verfilmungen bis heute. Der Garten als Paradies, als Sehnsuchtsort für Mensch und Tier, Refugium in einer unvollkommenen, immer gefährdeten Welt – diesen Gedanken geht Olivia Laing im Fortgang des Buches nach: Wer legt überhaupt einen Garten an? Mit der Autorin besuchen die Leser und Leserinnen eine Reihe von berühmten Gärten und ihre Erbauer: Blenham Palace, Gärten in Suffolk, Sissinghurst, Great Dixter, Kew Gardens. Wer kreierte die großen Landschaftsgärten, für die vor allem Großbritannien bekannt ist, eine Leidenschaft, der auch auf dem Kontinent viele Gartenliebhaber erlegen sind? Gibt es Moden beim Anlegen von Gärten? Wer gehörte das Land vor den reichen Leuten, wer lebte dort? Was geschah mit den Menschen? Woher stammte der ungeheure Reichtum der oberen Klassen, die sich solche Gärten leisten konnten? Für wen waren und sind diese „Paradiese“? Solche und weitere Fragen beschäftigen die Autorin und sie kommt zu teilweise sehr unangenehmen, bitteren Erkenntnissen, die nachdenklich machen. So hat man eine Reihe der wundervollen Gärten noch nie betrachtet. Der Garten als Paradies ist auch offen für Utopien. Olivia Laing beschreibt Menschen, Schriftsteller, Poeten und politische Autoren, die den Garten Eden feiern als Utopie für ein besseres Leben und Miteinander, für gerechtere Regierungen und einen schonenderen Umgang mit der Schöpfung. Dabei ist natürlich John Miltons „Paradise lost“ (Das verlorene Paradies) besonders wichtig, aber auch Menschen wie William Morris (Unternehmer und dennoch Sozialist), John Clare (ein Mann aus dem Volk) und andere kommen mit ihrem Leben und Wirken zu Wort. Wie sieht Gärtnern im Zeitalter des Klimawandels aus? Gerade als die Autorin ihren Garten fürs Erste vollendet und ein großes Einweihungsfest gefeiert hat, verändert sich die Situation: Es hört auf zu regnen, vieles, was sie mit großem Aufwand, mit Mühe und körperlicher Arbeit geschaffen hat, ist nun gefährdet und muss in Sicherheit gebracht werden. Und so beginnt sie von neuem, nun mit dem Wissen, dass sie ihren Garten, ihr Paradies für den Klimawandel bereit machen muss. Gä#rten, Träume und viele, viele Bücher Das Buch ist voll mit Recherchen, breit gefächert und ein Kompendium des Gartenbaus. Darüber hinaus ist es mit viel Liebe zu den Menschen und ihren Ideen für eine bessere Welt, in der die Natur geachtet und geschützt wird, geschrieben. Und eine Fundgrube für Buchliebhaber, die immer auf der Suche nach interessanter Literatur sind. Ein Buch, in dem viele Bücher und ihre Autorinnen und Autoren zu Wort kommen. Olivia Laing erzählt von Büchern, die sie als Kind gelesen hat: Lucy M. Bosten: The children of Green Knowe; Philippa Pearce: Tom’s midnight garden (Als die Uhr 13 schlug); Frances Hodgson Burnett: The secret garden (Der geheime Garten). Der deutsche Schriftsteller W.G. Sebald, der lange in England gelebt hat, wird von ihr mehrfach erwähnt mit seinem Buch: Die Ringe des Saturn; Violet Stevenson: Der schöne wilde Garten. Um nur einige zu nennen. Ein unglaublich vielfältiges, kluges und kenntnisreiches Buch. Ach so, Fotos ihres Gartens sind nicht in diesem Werk enthalten, aber auf Instagram oder Youtube gibt es diverse zu finden. S. FischerVerlag - 2025 - Buch |