Buch-Welt-Musik
Medium Rezension
1147
Hodgson Burnett, Frances
Der geheime Garten
verschiedene
Frances Hodgson Burnett (1849 – 1924) – eigenwillig, erfolgreich, Kämpferin für das Copyright
Geb. 24.11.1849 in Manchester, England / gest. 29.10.1924 in Plandome, Long Island, USA. Sie wird als nicht sehr attraktiv geschildert, zu klein, nicht schlank genug, nicht so hübsch. Was immer das heißt. Geschwister: Zwei Brüder Herbert und George, älter, zwei Schwestern, jünger Elizabeth Mary und Emma Edwina. Aufgewachsen in Manchester, Familie ist zuerst wohlhabend, später verarmt wegen der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung im Zuge des amerikanischen Bürgerkriegs. Vater (Edwin Hodgson) war Kaufmann, Goldschmied und Eisenwarenhändler mit eigenem Laden, stirbt 1853 an einem Schlaganfall. Mutter Eliza Boond übernimmt das Geschäft, hält es am Laufen mit Hilfe von Angestellten. Wegen der immer schwierigeren wirtschaftlichen Lage muss sie das Geschäft aufgeben. 1865 wandert die Familie nach Amerika aus.
Ein außergewöhnliches Leben - Biographie (ausführlicher)
Leben in Manchester Mitte des 19. Jahrhunderts
Manchester war eine Stadt, die von der Baumwolle und den Spinnereien lebte. Wegen des Niedergangs der Baumwollmanufakturen in Manchester (aufgrund des Krieges zwischen Nord- und Südstaaten in Amerika) wurde die Lage für die Familie immer prekärer. Waren sie zu Beginn einigermaßen wohlsituiert, gerieten sie mehr und mehr in den Armutsbereich, was sich an den Wohnungen ablesen lässt, die sich den Armenvierteln annäherten. Wer sich für die Lage der Arbeiter und Arbeiterinnen in Großbritannien in der Zeit interessiert, hier ein paar Hinweise:
-Elizabeth Gaskell: Norden und Süden (North and South), hier wird sehr eindrücklich das Elend der Arbeiter und Arbeiterinnen geschildert, auch der Kinder, s. auch Friedrich Engels und Karl Marx über die Situation der Arbeiter*innen in England
Die Familie der Mutter (Name: Boond) war etwas besser situiert, versuchte zu helfen, doch das reichte nicht. Auf Einladung eines Bruders der Mutter, der seit längerem in Knoxville, Tennessee, in guten Verhältnissen lebte, verkaufte die Mutter alles Hab und Gut und erwarb Tickets für eine Übersiedlung dorthin. Nach langer Reise gelangten sie in 1865 dort an. In der Zwischenzeit hatte der Bürgerkrieg dort auch Auswirkungen auf das Geschäft (Goldschmied) des Bruders gehabt, so dass er die Neuankömmlinge kaum unterstützen konnte. Der älteste Bruder Herbert kam bei ihm im Geschäft unter, der andere wurde Barmann, was ihn in der Familie zum schwarzen Schaf werden ließ. Seine Spur verliert sich, auch weil die Familie mit seiner Wahl nicht einverstanden war und ihn fallen ließ.
Leben in Amerika – Ankunft, Armut, erste Erfolge
Zunächst kommen sie in einer relativ stabilen Blockhütte am Rande der Stadt unter, es ergeben sich Beziehungen zu Nachbarn, insbesondere zu Familie Burnett (Vater Arzt). Der Sohn Swan verliebt sich in Frances, die seine Gefühle nicht erwidert. Doch die finanzielle Situation verschlechtert sich weiter, die Familie muss wieder umziehen in eine noch einfachere Behausung, eher eine Hütte – Leben wie die Vagabunden - s. Buch Vagabondia.
Mit 18 erste Schreiberfolge bei Zeitungsverlagen und erste Honorare (sie hat immer geschrieben, hatte eine reiche Phantasie).
Die Mutter stirbt 1870. Die Brüder und die Schwestern beginnen ein eigenes Leben.
Nach und nach erregt Frances Aufmerksamkeit, wird beim Verlag Scribner unter Vertrag genommen. Sie verdient so viel Geld, dass sie nach England reisen kann. Swan Burnett möchte sie unbedingt heiraten, doch sie kann sich zunächst nicht entschließen. 1873 nach ihrer Rückkehr heiratet sie ihn doch. Sie bkommen zwei Söhne: Lionel (1874) stirbt 1890 an Tuberkulose, Vivian (1876) – 1937, verheiratet, Kinder
Frances Hodgson Burnett ist sehr erfolgreich, ermöglicht ihrem Mann ein weiterführendes Studium (Augenheilkunde) in Frankreich. Rückkehr dann nach Amerika. Sie schreibt für Erwachsene, hat weiterhin Erfolg mit ihren Büchern, die auch schon in andere Sprachen übersetzt werden.
Die Kinderbuchautorin
1886 erscheint „Der kleine Lord“ – ein Sensationserfolg, der ihr über viele Jahre viel Geld einbringt, darüber hinaus auch Tantiemen für Theaterversionen und Film. Dieser Erfolg macht sie unabhängig, allerdings ist ihr Lebensstil etwas aufwändig, deshalb schreibt sie nahezu ununterbrochen. 1888 erscheint Sara, die kleine Prinzessin, zunächst in einer Jugendzeitschrift, 1903 als Theaterstück, später überarbeitet 1905 zu einem Buch. War ebenfalls sehr erfolgreich. Sie verfasst weitere Werke, auch für Erwachsene, die meisten wurden nicht ins Deutsche übersetzt.
Ehen und die Folgen Obwohl die Ehe mit Swan Burnett nicht glücklich, bleiben sie offiziell verheiratet bis 1898. Dann erfolgt die Scheidung. Burnett hat sie dennoch über Jahre hinweg in geschäftlichen Angelegenheiten beraten. Seine Augenarzttätigkeit war dann durchaus erfolgreich.
1900 heiratet Frances Stephen Townsend, Schauspieler, Schriftsteller. Er war 9 Jahre jünger. Er hatte Frances in der Vergangenheit geschäftlich beraten, sie bei der Verwirklichung von verschiedenen Theaterprojekten unterstützt, war aber schwierig. Die Ehe wurde nach 2 Jahren wieder geschieden und gilt als Frances größter Fehler in ihrem Leben. Das Ganze sorgte für reichlichen Wirbel, zumal sie sehr bekannt war.
Sie wurde erst 1905 amerikanische Staatsbürgerin (so lange war sie immer noch Britin gewesen). Es war ihr auch wichtig, dass ihr Vermögen nicht an Stephen Townsend fiel. Sie kehrte aber immer wieder nach England zurück, wo sie verschiedentlich Häuser bzw. Wohnungen mietete.
Frances, die Gärtnerin und ihre Gärten
Um 1898 entdeckte sie Great Maytham Hall in Kent. Sie lebte dort von 1898-1907 und verbrachte viel Zeit (zwischen ihren Reisen durch Europa bzw. Rückkehren nach Amerika). Als sie das Anwesen im Dorf Rolvenden bezog, fand sie einen alten, im Jahr 1721 angelegten Küchengarten vor, der völlig verwildert und vernachlässigt war. Berichten zufolge – und so wie sie es später auch in ihrer Novelle My Robin (1912) beschrieb – führte ein Rotkehlchen sie zu einer kleinen, efeuumrankten Eisentür in der alten Backsteinmauer. Hinter dieser Tür lag der versteckte, schlafende Garten.
Leben und Schreiben in Maytham Hall (s. Wikipedia)
Die Restaurierung: Genau wie ihre spätere Romanfigur Mary Lennox begann Frances sofort mit der leidenschaftlichen Wiederaufbauarbeit des Gartens und pflanzte Hunderte von Rosen.
Das Freiluft-Büro: Sie genoss die Ruhe des Ortes so sehr, dass sie im Pavillon (Gazebo) des Gartens einen Tisch und einen Stuhl aufstellte. Dort schrieb sie, stets im weißen Kleid und mit großem Sommerhut, mehrere ihrer Werke.
Literarischer Treffpunkt: Während ihrer Zeit auf dem Landsitz empfing sie regelmäßig hochkarätige Literaten, darunter den berühmten Schriftsteller Henry James. Dazu kamen viele Mitglieder des Adels und selbst des Hofes.
Sie knüpfte auch Beziehungen zur Landbevölkerung und beteiligte sich an verschiedenen Wohltätigkeitsveranstaltungen.
Das Anwesen heute
Der Eigentümer wollte das Anwesen umbauen, deshalb musste Frances Maytham Hall aufgeben. Das ursprüngliche Herrenhaus wurde kurz nach Burnetts Auszug im Jahr 1907 durch ein Feuer beschädigt und zwischen 1909 und 1912 von dem renommierten Architekten Sir Edwin Lutyens im neogeorgianischen Stil prachtvoll neu aufgebaut. Lutyens behielt die historische Gartenmauer von 1721 jedoch bewusst bei.
Heute ist das Hauptgebäude in private Luxusapartments unterteilt. Der geschichtsträchtige "geheime Garten" existiert jedoch immer noch und wird von Rosen und Blauregen gesäumt. Er kann an ausgewählten Tagen im Jahr über das National Garden Scheme (NGS) besichtigt werden.
Der geheime Garten – in England und in den USA
1911 erscheint „Der geheime Garten“. Das Werk wurde zunächst in einer amerikanischen Zeitschrift veröffentlicht, dann in England von William Heinemann als Buch mit Illustrationen verlegt. Es war zunächst nicht so erfolgreich wie die anderen beiden Werke, das änderte sich mit der Zeit. Das Buch ist heute ein Klassiker (wie die beiden anderen auch) und fast beliebter als „Der kleine Lord“. Es wurde mehrfach verfilmt: schon sehr früh 1919, dann mehrfach. Beliebt ist immer noch die Verfilmung von 1949 (USA) und besonders von 1993/94 von Agnieszka Holland. Sehr zu empfehlen. 2020 gab es eine neue Verfilmung, prominent besetzt, aber etwas zu glatt (lt. Kritik).
Deutsche Ausgaben (Auswahl):
Der geheime Garten, Englisch-Deutsch, 2019, Verlag Anaconda, Übersetzer: Felix Mayer, ungekürzte Ausgabe, Taschenbuch, gilt als besonders empfehlenswert
Der geheime Garten, Gerstenberg Verlag 1987/2006, Übersetzerin Friedel Hömke, Illustrationen von Graham Rust, leicht gekürzte Ausgabe, sprachlich an einigen Stellen modernisiert. Schöne großformatige Ausgabe, sprachlich sehr ansprechend
Leben in den USA Ab 1907 ging sie dauerhaft in die USA zurück (machte aber weiter Reisen) und kaufte ein Grundstück auf Long Island. Dort ließ sie ein großzügiges Haus (17 Zimmer) mit großem Garten errichten – Fairseat, Plandome. Hier lebte sie von 1909 – bis zu ihrem Tod 1924. Ihr Sohn Vivian übernahm einen Großteil der Bauaufsicht und gestaltete den Garten nach ihren Angaben. Sie hatte Heimweh nach ihrem englischen Garten und so gestaltete sie Fairseat nach seinem Vorbild mit einer Steinmauer und umschlossenen Rosengarten. Sie war eine penible Rosenzüchterin, beschäftigte Gärtner. Einer davon namens Bolton soll das Vorbild für Ben Weaterstaff sein (aus „Der geheime Garten“).
Sowohl in Maytham Hall als auch in Fairseat arbeitete sie im Garten an ihren Büchern. Schon in England hatte sie Ideen für „Der geheime Garten“ (The secret garden) gesammelt, doch erst in Fairseat vollendete sie das Buch. Nach ihrem Tod zerstörte ein verheerendes Feuer das Haupthaus, das einstige Kutscherhaus und die steinernen Gartenbalustraden blieben erhalten. 1937 wurde von Freunden der Autorin eine dauerhafte Gedenkstätte in Manhattan errichtet.
Eine Figurengruppe ist der Frances Hodgson Burnett Memorial Fountain im Central Park in New York. Er wurde 1936 von Bildhauerin Bessie Potter Vonnoh entworfen und erinnert an die berühmte Kinderbuchautorin. Die Bronzefiguren stellen zwei Hauptfiguren aus Der geheime Garten dar: den flötenspielenden Jungen Dickon und das Mädchen Mary, das eine Wasserschale hält. Der Brunnen ist gleichzeitig ein funktionales Vogelbad.
Atlantiküberquerungen
Insgesamt überquerte sie 33mal den Atlantik per Schiff, reiste auf dem Kontinent hin und her, lebte zeitweilig auf den Bermudas.
Religion
Zeit ihres Lebens litt sie unter Depressionen (und anderen gesundheitlichen Problemen), insbesondere nach dem Tod von Lionel 1890. Sie war mit ihm bei verschiedenen Spezialisten in Europa, auch in Deutschland, doch niemand konnte ihm helfen. Er starb 1890 an Tuberkulose. Ihr jüngerer Sohn Vivian erkrankte an Typhus, überlebte aber. Die Gärten fungierten auch als therapeutischer Rückzugsort. Frances interessierte sich, wohl auch aufgrund dieser Erfahrungen für Christian Science (nach Mary Baker Eddy. Sie gehörte nie offiziell deren „Kirche" an, ihr Sohn Vivian allerdings.), Theosophie, Spiritualismus, östliche Philosophie und Konzepte wie New Thought Mouvement, meint: Neues Denken - die Kraft der Gedanken, Positivität und seelische Heilung aus der Christlichen Wissenschaft. Gerade die damals üblichen Behandlungsmethoden der Depression lehnte sie ab. Dort bestand man auf unbedingter Bettruhe, die sie als sinnlos und kontraproduktiv erlebte und einschätzte. Deshalb ihre Hinwendung zu alternativen wissenschaftlichen bzw. religiösen Strömungen. Diese Einflüsse sind sehr stark in ihrem Buch „Der geheime Garten“ zu finden. Aufgewachsen war sie im traditionellen anglikanischen Glauben.
Kämpferin für die Rechte an ihrem Werk – Copyright und Verwertungen bzw. Tantiemen
Sie war eine Vorkämpferin für unser heutiges Copyright. Sie wehrte sich erfolgreich gegen Vereinnahmungen und Bearbeitungen ihrer Werke, insbesondere ihrer Kinderbücher für Theaterproduktionen ohne ihre Zustimmung bzw. ohne Tantiemen zu zahlen. Da scheute sie auch keine gerichtliche Auseinandersetzung. Sie bekam übrigens Recht. Dann schrieb sie eigene Versionen (bei denen sie sich beraten bzw. helfen ließ von Theaterleuten).
Rezeption in Deutschland
Ihre Werke für Erwachsene sind in Deutschland so gut wie nicht bekannt, obwohl es schon zu ihren Lebzeiten verschiedene Übersetzungen gab. In letzter Zeit gibt es allerdings neue Veröffentlichungen, hier eine Auswahl:
2026 Vagabondia, Verlag Anakonda
2024 Das Herz einer Lady, Anaconda
2024 Das verfallene Herrenhaus, Reclam Philipp jun
2024 Das Land der blauen Blume (Neuherausgabe nach der deutschen Übersetzung von 1915. Henricus – Edition Deutsche Klassik GmbH
Diese Werke sind u.a. kostenlos beim Projekt Gutenberg zu erhalten, teilweise auch bei Amazon oder Thalia für Kindle bzw. Notebook zum kleinen Preis.
Literatur zu Frances Hodgson Burnett
Anne Thwaite: Beyond the secret garden, The life of Frances Hodgson Burnett, Erstveröffentlichung 1974, Neuauflage 2020, Duckworth, Großbritannien. Sehr fundierte, ausführliche Biographie, nur auf Englisch
Frances Hodgson Burnett: The one I knew best of all, 1893, Amazon, Autobiographische Erzählung
Im Internet ist vieles zu finden, u.a. bei Wikipedia.
Die Universität Tübingen veranstaltete 2011 ein Symposion zu „100 Jahre Der geheime Garten“. Texte sind im Internet zu finden.
Der geheime Garten
Die 10jährige Mary Lennox lebt mit den Eltern recht luxuriös in Indien als Angehörige der britischen Kolonialmacht. Beide Elternteile sterben bei einer Typhusepedemie und sie, nunmehr Vollwaise, kommt nach England (im Winter) zu ihrem Onkel Archibald Craven in Yorkshire in sein Haus mit dem Namen Misselthwaite Manor. Weiteres Personal: Die Hausdame Mrs. Medlock, das Dienstmädchen Martha, ein Butler und diverse Hausangestellte sowie Gärtner, insbesondere Ben Weatherstuff. Mary wird als verwöhnt, übellaunig, kratzbürstig und verschlossen geschildert, dazu mit gelber Haut und sehr dünn. Sie hält sich selbst für wenig hübsch, liebt niemand und wird von niemand geliebt. Allerdings ist sie alles andere als dumm, im Gegenteil neugierig, mutig und gewitzt. Außer ihrer Ayah (Kinderfrau in Indien) hat sich nie irgendjemand um sie gekümmert und die nur, weil das ihre Aufgabe war. Ihre Eltern waren die meiste Zeit mit sich selbst und ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen beschäftigt. Liebe hat Mary also nie erfahren, ebenso wenig Geborgenheit. Bezeichnenderweise empfindet sie nach dem Tod der Eltern keine Trauer, weil sie – wie sie sagt – beide eigentlich nicht gekannt hat. An diese Vernachlässigung gewohnt, ist sie durchaus in der Lage, ihre nächste Umgebung zu erkunden. Da sie auf ihre Fragen bzgl. seltsamer Geräusche und Vorkommnisse in dem Haus keine Antwort erhält, stellt sie eigene Nachforschungen an und kommt bald hinter das Geheimnis des Hauses.
Materiell fehlt es Mary in England an nichts. Ihr Onkel sorgt für sie, fragt sie nach ihren Vorlieben, gibt ihr sogar Geld für ihre persönlichen Bedürfnisse oder Wünsche, will aber mit seiner Nichte nichts zu tun haben. Er hat seine geliebte Frau bei der Geburt des gemeinsamen Sohnes verloren, ist depressiv geworden und die längste Zeit des Jahres auf Reisen. Das Kind ist also mit den Dienstboten allein, wird jedoch nicht misshandelt bzw. das Personal mit Mrs. Medlock an der Spitze lässt sie zumeist in Ruhe. Sie hat ein eigenes Zimmer, wenn auch nicht für Kinder eingerichtet, aber immer warm. Sie bekommt reichlich zu essen und schöne Kleider auf Wunsch des Onkels.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten in der Kommunikation und im Umgang miteinander wird das Dienstmädchen Martha so etwas wie eine Freundin und Vertraute. So lernt Mary in der Folge deren Bruder Dickon kennen, einen 12jährigen Jungen, der die Natur und die Tiere liebt, so wie sie ihn auch. Dickon wird zu ihrem wichtigsten Menschen, einem Freund, dem sie vertraut und der ihr hilft, den geheimen Garten, den sie entdeckt hat, zum Leben zu erwecken. Beide hüten ihr Geheimnis, bis sie es mit jemand anderem, Marys ebenfalls 10jährigen Cousin Colin, teilen wollen, der auch im Herrenhaus lebt, krank ist und so einsam und allein wie Mary war, bevor sie Dickon kennenlernte. Zusammen bilden sie eine Gemeinschaft, die ihr Geheimnis wahren kann, bis auch andere bereit für den geheimen Garten sind. Eine besondere und wichtige Rolle spielt dabei Robin, das Rotkehlchen, das Marys erster Freund in Misselthwaite ist. Doch auch Dickons Tiere - sein Fuchs, die Krähe, die Eichhörnchen, das Pony, das Lamm spielen eine große Rolle, ebenso wie Marthas und Dickons Mutter. Sie ist sehr liebevoll zu den Kindern und übt auf Archibald Craven einen wohltätigen Einfluss aus.
Ein Buch mit vielen Aspekten
Deutsche Ausgaben (Auswahl):
1. Der geheime Garten, Englisch-Deutsch, 2019, Verlag Anaconda, Übersetzer: Felix Mayer, ungekürzte Ausgabe, Taschenbuch, gilt als besonders empfehlenswert
2. Der geheime Garten, Gerstenberg Verlag 1987/2006, Übersetzerin Friedel Hömke, Illustrationen von Graham Rust, leicht gekürzte Ausgabe, sprachlich an einigen Stellen modernisiert. Schöne großformatige Ausgabe, sprachlich sehr ansprechend
3. Der geheime Garten, DVD, Film von Agnieszka Holland, Warner Bros.
4. Biographie: Ann Thwaite: Beyond the secret garden, The Life of Frances Hodgson Burnett, 1974/2020 Duckworth Group
Themen des Buches - worum geht es?
Freundschaft: Die Kinder arbeiten im Garten (er blüht nicht durch Zauberhand auf). Die gemeinsame Arbeit schweißt sie zusammen, lässt sie soziale Beziehungen aufbauen. Plädoyer für den Wert der Natur
Heilung: Die frische Luft, die Arbeit, der Aufenthalt im Garten, in der Natur helfen, Depressionen, Schwermut und seelische Schwäche zu überwinden (unter Berücksichtigung der damaligen Behandlungsmethoden der Depression, die Frances Hodgson Burnett am eigenen Leib erfahren hatte und ablehnte).
Persönliche Entfaltung: Die vernachlässigten Kinder blühen auf zu gesunden, fröhlichen, selbstbewussten Persönlichkeiten, die kreativ in und mit ihrer Umwelt leben. Gegensatz zu strengen, harten viktorianischen Erziehungsstilen. Hodgson Burnett setzt auf liebevolle Zuwendung und die Vermittlung von Geborgenheit.
Kritikpunkte Der Kolonialismus Englands klingt im Buch an, wird aber als gegeben hingenommen. Indien ist ein Ort, der insbesondere für Kinder ungesund ist. Das war damals allgemeine Ansicht und Einstellung. Demzufolge wurden Kinder sehr früh von den Eltern getrennt und nach England geschickt, entweder zu Verwandten, zu Pflegefamilien oder in Internate. Dort sollten sie zu „richtigen“ Engländern heranwachsen und ausgebildet werden. Was das für ganze Generationen bedeutete und was das für Folgen für die Kinder, die späteren Erwachsenen und die Gesellschaft hatte, dazu gibt es einiges an Literatur. U.a. hat die britische Autorin Jane Gardam das mit ihren Büchern - Ein untadeliger Mann, -Eine treue Frau, Letzte Freunde - versucht aufzuarbeiten.
Ein weiterer Kritikpunkt: Mary und Dickon sind die Personen, die die ganze Geschichte initiieren und tragen. Ohne die Beiden gäbe es keinen blühenden Garten und keine Heilung für Colin, den einsamen kleinen Jungen. Doch am Ende spielen sie so gut wie keine Rolle mehr. Da stehen Colin und sein Vater im Mittelpunkt. So verständlich das Ende einerseits ist – die Freude über die Heilung von Sohn und Vater – so traurig finde ich, dass die Autorin die wichtigsten Personen nahezu aus den Augen verliert, nämlich Mary und Dickon. Das hat übrigens die Filmemacherin Agnieszka Holland sehr deutlich gespürt und dementsprechend das Ende ihres Filmes umgestaltet – was sehr für ihre Version des Buches spricht. Dass die Autorin so sehr auf Sohn und Vater fokussiert ist, mag damit zusammenhängen, dass Frances Hodgson Burnett den Tod ihres erstgeborenen Sohnes Lionel 1890 nie verwunden hat. Möglicherweise kompensiert sie damit Schuldgefühle, weil sie beim Ausbruch der Krankheit in England weilte und die beiden Söhne beim Vater in den USA. Colins Heilung entspräche dann ihrer Sehnsucht, den toten Sohn wieder lebendig zu sehen, aber auch der Dankbarkeit für die Genesung Vivians nach der Typhuserkrankung.
En außergewöhnliches Buch - für Kinder und Erwachsene
Der geheime Garten hat mittlerweile Generationen von Kindern (und Erwachsenen) begeistert und bis heute nichts von seiner Frische verloren. Gärten sind immer wieder eine Quelle der Freude am Leben, der Natur und der Erde. Auf den ersten Blick scheint das Buch schön und liebenswert, auf den zweiten oder dritten eröffnen sich ganze Welten, menschliche, geschichtsträchtige und geisteswissenschaftlich wichtige, bis heute gültige Einsichten und Wahrheiten.
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